Rocket science — Warum einfach wenn's auch kompliziert geht?

„Professor, why is it obvious?“ — Long silence, then the professor replies: „Indeed, it is obvious.“ and continues without further explanation. — Cambridge student folklore

Es gibt Dinge, die sind offensichtlich, andere halten wir nur dafür. Beides zu unterscheiden ist leider schwer. Besonders prekär wird es, wenn wir von offensichtlich einfach zu offensichtlich richtig wandern und beide Male fehl gehen.

Die IT-Branche scheint für diesen Irrweg besonders anfällig zu sein. Allzu leicht wachsen dort komplizierte Monstersysteme: Jeder nächste Schritt scheint ja so leicht, und alles bisherige funktioniert ja – scheinbar – wie gedacht. Es dauert oft erstaunlich lange, bis man merkt bzw. sich eingesteht, dass da wohl doch der Wurm drin ist und die Sache an sich gar nicht so kompliziert sein müsste, hätte man sich nicht unterwegs verirrt.

Schau, es geht doch!

In der theoretischen Physik kämen wohl wenige auf die Idee, dem So-Schwer-Kann-Das-Nicht-Sein-Instikt zu folgen und einfach mal dieses oder jenes Feature zu ergänzen. Dort herrscht vielmehr das Verstehe-Ich-Nicht-Finger-Weg-Passt-Schon-Gefühl vor. Rocket Science eben. Bei IT-Systemen aber folgt man erstaunlich oft dem Hype-Der-Woche und baut mal eben schnell etwas hier oder da dazu. Schnell den Hammer geholt, um die Schraube voller Elan in die Wand zu hämmern. Fertig ist das neue Web-Portal, die schicke iPhone-App oder die Virtualisierung in der Cloud. Ein Kinderspiel!

Wir lassen uns eben nur allzugerne vom vermeintlich naheliegenden und scheinbar logischen verführen. Schraube, Hammer? – Wird schon passen! Wieso sonst sollten die Sachen nebeneinander im Werkzeugkasten liegen? Die Cloud macht alles besser? Prima, dann will ich das auch!

Auf diesem Pfad lässt sich weit wandern. Was einmal passt, passt auch zweimal. Und wenn nicht, wird es passend gemacht. Den Schraubendreher rasch beiseite schieben und schnell den Hammer hervor holen, so hämmern wir voller Zuversicht Schraube um Schraube in die Wand.

Aberglaube

Interessanterweise bestärken uns Fehlschläge eher in unserem Tun. Wir arbeiten ein paar Details nach und schon scheint es wieder zu passen. Die Münze schnell am Automaten reiben, dann muss er sie doch schlucken wollen. — Computer sind kompliziert und fehleranfällig? Dann bauen wir doch einfach etwas dazu, das hilft bestimmt!

Mit der Zeit entstehen auf diese Weise komplizierte Das-Muss-So-Sein-Denkgebäude mit Regeln und Ausnahmen und Sonderregeln. Wir haben den Absprung verpasst, und schwups ist unser vermeintlich einfaches IT-System in die Liga komplexer physikalischer Theorien aufgestiegen. Da sind dann Fehler so schwer zu finden wie das Higgs-Teilchen.

Und je mehr falsche Annahmen und Zusammenhänge, desto überzeugter sind wir — und was besonders überraschend ist, wir sind auch überzeugender! Eine komplizierte falsche Theorie leuchtet uns mehr ein, als eine einfache und möglicherweise richtigere. Alex Bavelas hat das in einem anschaulichen Experiment bereits in der 1950er Jahren gezeigt (vgl. Paul Watzlawick, Wie wirklich ist die Wirklichkeit, Piper Verlag 1976, pp. 71ff).

Ausmisten hilft!

Entia non sunt multiplicanda sine necessitate. — Wilhelm von Ockham zugeschrieben

Die Wissenschaft schneidet den Wildwuchs der Das-Muss-So-Kompliziert-Sein-Denkgebäude immer mal wieder mit Ockham’s Rasiermesser kurz und klein. Eine Ellipse ist eben einfacher als fünfzig Epizyklen. Und auch in der IT-Industrie sollte man von Zeit zu Zeit aufräumen und ausmisten, Code glätten, Unnötiges wegschneiden und zu Kompliziertes vereinfachen. Vor allem sollte man von Zeit zu Zeit die vermeintlich offensichtlichen Annahmen überdenken und sich fragen: Wo will ich hin? Bin ich überhaupt auf dem richtigen Weg? Gute Lösungen sind meist einfach, komplizierte Lösungen meist falsch. Man muss nur richtig drauf schauen können. Das gilt im übrigen auch für die Quantentheorie.

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Comments (1)

Full ACK!

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