Vom Mythos durchgängig planbarer Softwareprojekte

Dass Softwarequalität was Gutes ist, ist bekannt. Deshalb wollen alle auch nur qualitativ hochwertige Software haben. Aber warum ist dann so viel Software so weit von diesem Ziel entfernt? Schaut man auf die Homepages von Softwareentwicklern und schenkt man den Qualitätsversprechen Glauben, so werden ohnehin ausschließlich Qualitätsprojekte entwickelt. Dennoch läuft der wesentliche Teil aller Softwareprojekte komplett aus dem Ruder und das in Bezug auf den Zeitrahmen, auf die Kosten und auf die Nutzbarkeit der Ergebnisse. Kein Wunder, denn moderne Softwareprojekte sind längst zu komplex geworden, um durchgängig planbar zu sein. Trotzdem wird immer wieder amokartig versucht Entwicklungsprojekte mit Hilfe des Wasserfallmodells umzusetzen, was bekanntermaßen immer wieder an die Wand fährt. Aber warum wird immer noch unterm Wasserfall gearbeitet, obwohl es Scrum schon lange als bessere Entwicklungsmethode gibt?

Scrumvorteile – mittlerweile im Schlaf runterzubeten

Scrum setzt sich langsam durch – und das mit gutem Grund:  die Struktur ist einfach und durch die definierten Rollen Product Owner, Scrum Master und Team, lassen sich die Prinzipien schnell lernen und produktiv einsetzen. Die Vorteile zeigen sich schnell in den Ergebnissen. Klar, Scrum ist empirisch, inkrementell und iterativ oder mit einfacheren Worten: besser, schneller, budgettreu. Scrumprojekte sind bis zu 4 Mal schneller als konventionell entwickelte Projekte. Die Agilität in der Softwareentwicklung rechnet sich, also. Korrekturschleifen werden verkürzt, Änderungen vereinfacht und das entwickelte System ist wartbar, erweiterbar und performant. Sollte es Änderungswünsche geben, kann sofort reagiert und angepasst werden. Das Ergebnis schlägt sich am Ende auch in der Conversionrate und damit beim Umsatz nieder. Eine schnellere Time-to-Market lässt Umsätze früher entstehen. Alles in allem zahlt sich Scrum mehr als aus, in Kostenersparnis, Mehrumsätzen und zufriedeneren Kunden. Genial auch, dass sich die Qualität entwicklungsbegleitend besser testen lässt. Blablabla… kennen wir alles. Wo liegt denn dann das Problem, warum setzt sich Scrum nicht viel schneller durch?

Planungssicherheit vs. Scrum

Jeder, der budgetverantwortlich ist, kennt das Spiel: Bevor die erste Codezeile in die Tastatur gehackt ist, will eine budgetverteilende Hierarchieebene (ggfs. im eigenen Kopf) Kostenkalkulation, Timeline, Planumsätze und ROI-Zahlen sehen. Wer hier genau sein will, muss die zu entwickelnde Software möglichst detailliert entworfen haben. Wie beim Hausbau geht’s dann zu. Wie groß, wie viele Steine, wie viel Holz, Fenster, Türen und wie lange braucht ein Trupp Bauarbeiter, das hinzustellen. Die Kalkulation macht die Fachabteilung meist selbst, ohne die Hilfe von Experten wie bspw. Architekten und Statikern. Am Ende werden die Bauarbeiter in der Kalkulation durch Freunde, Verwandte und Hilfsarbeiter ersetzt. Die sind einfach billiger. Dass sie nicht mal halb so schnell sind wie Fachleute, geht in der Terminsetzung unter und im Ergebnis entsteht ein ambitioniertes Projekt mit unerreichbarem Zeitplan und viel zu kleinem Budget. Budgets werden auf dem Kostenplan einer Hütte erstellt und mit den Einnahmen eines Geschäftshauses geplant. Natürlich ist das übertrieben aber in meinen 13 Jahren als Berater habe ich es immer wieder mehr oder weniger genau so erlebt. Das hieraus entstandene Lastenheft wird nun mehreren Agenturen zur Kalkulation vorgelegt – das günstigste gewinnt. Das Kostenergebnis durfte ich bei einem bekannten deutschen Konzern live erleben: Angebotspreis, damals 10.000,- DM, Rechnungspreis nach Fertigstellung 100.000,- DM. Diverse Fehlannahmen, Veränderungen, Verbesserungen etc. führten zu 10-fachen Mehraufwänden. Lustigerweise lag das Problem beim Konzern selbst. Zu viele Köche, die dem Brei täglich eine neue Form und Farbe verpasst haben… Aber darum geht es hier ja gar nicht. Hier geht es um Scrum und seine Vorteile. Zurück zum Thema, also.

Scrum ist schneller und besser, agil und flexibel. Genau hierin liegt meiner Meinung nach die Krux. Man weiß, dass es mit Scrum viel besser werden soll aber man weiß es eben nicht genau wie viel besser. Man weiß nicht genau was man kriegt und für welchen Preis. Ich vergleiche das konventionelle Wasserfallmodell gern mit umfangreichen Businessplänen: Ein Mal geschrieben, verlieren Sie Ihre Aktualität bereits direkt nach dem Ausdrucken. Sich ändernde Parameter, neue Opportunitäten durch neue Erkenntnisse und bessere Ideen lassen den ursprünglichen Ansatz schnell veralten. Kaum ein Unternehmen hat überlebt, das sich fest am Businessplan orientiert hat. Die Dynamik der Geschäftswelt nimmt da einfach keine Rücksicht drauf. Erfolg hat das Unternehmen, dass ich agil einer dynamischen Umwelt anpassen kann, das Trends frühestmöglich erkennt und verarbeitet. Erfolgreich sind eben nicht die Unternehmen mit den besten Buchhaltern sondern die mit den besten Produkten.

Scrum heißt vertrauen

Genauso ist es mit modernen Softwareprojekten. Ein möglichst detaillierter Anfangsplan macht Sinn, um den Umfang abzuschätzen und die Richtung vorzugeben. Wichtig hierbei, dass die Anforderungen auf Funktionalitäten basieren und nicht auf Lösungen. Dann heißt der Erfolgsgarant „Agile Entwicklung“. Sie lässt, Raum für Optimierungen und Verbesserungen. Eine Art Bootstrapping für Softwareprojekte. Möglichst schnell zu einem funktionierenden und auslieferbaren Entwicklungsstand kommen und die Erfahrungen mit den ersten Nutzern gleich in die Entwicklung einfließen lassen. Jede Iteration endet also in einem golive-fähigen Deliverable. Diese kleinen Inkremente lassen sich viel besser überblicken, kontrollieren und steuern als große Software-Monolithen. Bessere Ergebnisse in kürzerer Zeit. „So muss Software…“, um es neudeutsch zu formulieren.

Auf Scrum zu setzen heißt also zu vertrauen. Den Kern der Funktionalitäten formulieren und bauen lassen. Für den weiteren Weg, ein laufendes Budget planen. Ein Beispiel:

Ein Flirt-Community-Portal soll ungefähr 50.000 € kosten (das sind „so Zahlen“ die herumschwirren).

1. Eine Agentur macht mir das für 30.000,- €. In 3 Monaten ist’s fertig. Nein, in 4 Monaten. Nee, doch in 5 Monaten…

2. Eine andere Agentur bietet das gleiche für 50.000,- €. Sie arbeitet nach Scrum und ich bin in den Prozess eingebunden. Ich plane 25.000 € einzusetzen, um in 2 Monaten eine schlanke Basisversion erstellen zu lassen. Die Agentur berät mich, wie die schlanke Version aussehen kann. Ich bin über jeden Schritt informiert und kann meinen Senf dazu geben. Anschließend plane ich ein monatliches Budget, um das System weiter entwickeln zu lassen. Das Portal macht 1 Woche nach Golive der schlanken Basisversion bereits die ersten zarten Umsätze. Das Tracking zeigt, dass die User das System anders nutzen als ursprünglich von mir angenommen. Ich lasse das System in diese Richtung weiter entwickeln…

Scrum made in Munich

Bei den IT:Agenten war Scrum zunächst weniger ein Positionierungsthema als viel mehr eine notwendige Folge des steigenden Auftragsvolumens. Um Kundenprojekte schnell und ohne große Korrekturschleifen bearbeiten zu können, wurden eigens Prozesse entwickelt, die dann automatisch auch zu mehr Produktivität führten. Schon länger vereinfachen bei den IT:Agenten Projektmanagement-Tools die Zusammenarbeit von Kunden, Projektmanagement und Software-Entwicklern. Die positiven Auswirkungen auf die Entwicklungsqualität und -geschwindigkeit ließen dann das Thema „Agile Entwicklung“ auch für die Kunden immer wichtiger werden. Eventuelle Fehler oder Inkonsistenzen der Anforderungen oder des Softwareinkrements werden früh erkannt, das zeitintensive und meist zu spät begonnene Bugfixing entfällt. Mehr Zeit für beispielsweise mehr Kaffee.

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